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03/11/2010 - Christian Ciemalla - handball-world.com
Das Kreuz mit den Wetten

Photo: Christian Ciemalla
Wetten ist vermutlich so alt wie die Menschheit und bei allen Unklarheiten scheint zumindest ein Fakt unstrittig: Es gibt einen Markt. Für einen Markt gilt das Prinzip, dass aus volkswirtschaftlicher Sicht jede wie auch immer geartete Struktur besser ist als ein anarchischer Markt. Im Wettmarkt erfreuen sich unterdessen zahlreiche Firmen über eine für sie gewinnbringende Grauzone. Verbunden damit ist auch ein Verteilungskampf, der derzeit unter anderem im Handball geführt wird: Stellvertretend für die privaten Wettanbieter streiten die großen Vereine und der Ligaverband der Herren, sie erhoffen sich Werbegelder. Auf der anderen Seite stehen Teile der Basis, die ihren Anteil am Wettkuchen im Sinne der Förderung von Toto/Lotto verteidigen wollen. Eine Kontroverse, die den Sport spalten könnte.

Über die Rechtssituation hinsichtlich des Sportwettmarktes Aussagen zu treffen ist schwierig, Bücher könnten damit gefüllt werden und diese dürften im Laufe des Druckprozesses bereits überholt sein. Das Glücksspielmonopol des Staates, der Glücksspielstaatsvertrag der Bundesländer und das bereits angekündigte Ausscheren einiger Bundesländer, das zu jedem Jahresende möglich ist, sorgen für einige der zahlreichen Fragezeichen. Die Folgen sind teils weitreichend. Ein Leidtragender ist "Sportwetten Gera", früher mit einer fortgeführten "DDR-Lizenz" ein Lotto-Konkorrent im Sportwettenmarkt. "Aufgrund der Entscheidung der Bundesländer ein Monopol für Glücksspiele zu schaffen und Glücksspiele im Internet völlig zu verbieten", habe das Unternehmen seine Geschäftstätigkeit eingestellt, so die Geschäftsleitung, die von "massiver rechtlicher Bedrängung" spricht und Schadenersatzansprüche geltend machen will, auf ihrer Internetseite.

Als Ziel des Staatsvertrags ist dabei unter anderem formuliert: "Den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken, insbesondere ein Ausweichen auf nicht erlaubte Glücksspiele zu verhindern." Das Versagen in diesem Punkt scheint auf der Hand zu liegen, auch weil es aktuell mit den Lottogesellschaften nur einen Monopolisten gibt, der mit "oddset" nur ein stark begrenztes und nicht online verfügbares Produkt anbietet. Private Wettanbieter erfreuen sich so weiter steigender Beliebtheit, zumal vormals legale Alternativen wie Sportwetten Gera nicht mehr existieren, und haben nicht nur die komfortable Situation in Deutschland weder Steuern abführen zu müssen, sondern können sich auch der staatlichen Kontrolle und eventueller sozialer Verpflichtungen, beispielsweise für den Breitensport, entziehen. Der Ist-Zustand scheint unbefriedigend - aus Sicht aller Beteiligter.

Beide Seiten versuchen nun ihre Position zu verbessern und die Lage zu ihren Gunsten zu beeinflussen: Die privaten Wettanbieter dringen beispielsweise auf eine Legalisierung. Im Gegenzug für Rechtssicherheit für sich selbst und ihre Kunden scheinen die Anbieter auch durchaus bereit, Eingeständnisse hinsichtlich einer staatlichen Konzession und Regulierung hinzunehmen - der Markt hat schließlich ein entsprechendes Volumen, das ihn trotz solcher Zugeständnisse noch attraktiv erscheinen lässt. Die Initiative Profisport Deutschland (IPD), der auch die Handball-Bundesliga (HBL) angehört, hat in der Vorwoche einen Fünf-Punkte-Plan verabschiedet: Ein Schwerpunkt dabei auch die "Neuordnung des Sportwettmarktes". Christian Seifert, Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung und Sprecher der IPD: "Wir fordern eine kontrollierte Öffnung des Sportwettmarktes für Private bei gleichzeitiger Beibehaltung des Staatsmonopols für das Lotteriewesen. Damit einhergehen muss eine Garantie für eine nachhaltige Finanzierung des Amateur- und Breitensports." Die bestehende Monopol-Struktur im Bereich Sportwetten habe in mehrfacher Hinsicht versagt: Sowohl der Sport als auch Wettanbieter und ehrliche Wettkunden seien zu Verlierern des Systems geworden, so die IPD.

Auf der anderen Seite haben die Lottogesellschaften große Teile des Breitensports auf ihrer Seite, wenn sie für eine Durchsetzung des Staatsmonopols werben. Der HV Rheinland hat beispielsweise bereits Ende Januar beantragt, den Punkt "Sportwetten" auf die Tagesordnung des Erweiterten Präsidiums des DHB zu setzen. "Der Handballverband Rheinland e.V. distanziert sich mit aller Deutlichkeit, eine Zusammenarbeit mit privaten Wettanbietern einzugehen. Ohne Lotto Rheinland-Pfalz und ohne die Unterstützung aus der Sportwette Oddset würde es viele Fachverbände und sicher auch den HV Rheinland e.V. in der heutigen Form nicht mehr geben", heißt es im Anschreiben. Wie die privaten Wettanbieter scheinbar auf die Unterstützung des professionellen Sports setzen können, so scheint der Breitensport hinter dem bisherigen System zu stehen. In unterschiedlicher Offenheit wird dabei auch deutlich, dass einer der Hauptgründe für das Engagement die eigene Einnahmesituation sein dürfte.

Diese Kontroverse könnte nun zu einer weiteren Spaltung zwischen Profi- und Amateurhandball führen, denn in dem die Diskussion auslösenden Schreiben des TV Vallendar heißt es: "Der Deutsche Handball mit der HBL an der Spitze zerstört diese in Rheinland-Pfalz "einmalige" Allianz zwischen Sportverein und Sportförderer." Das Schreiben ging dabei als Abschrift natürlich auch an den Partner, die Lotto Rheinland-Pfalz GmbH. Auslöser für den Brief des Vereins an den Präsidenten des DHB sei dabei die groß angelegte Kampagne von bet-at-home bei der EM in Österreich gewesen - bei der laut Vereinsangaben in einer Handballzeitschrift sogar ein Wettgutschein beigefügt gewesen sei, der "erkennbar spielauffordernde Wirkung entfalten soll". Das Schreiben weiter: "Sehr geehrter Herr Präsident, nicht nur die Vallendarer Handballer fragen sich in ernsthafter Sorge, ob der "Deutsche Handball" die Vereine außerhalb der HBL vergessen hat?"

Der Sport scheint endgültig zwischen die beiden Mühlsteiner "private Wettanbieter" und "Staatsmonopol" geraten zu sein, exemplarisch wird das am Beispiel des DHB deutlich, der sich bislang neutral verhalten hat, von beiden Seiten aber in Beschlag und unter Beschuss genommen wird. "Lotto Rheinland-Pfalz denkt konkret darüber nach, die Unterstützung des Handballs einzustellen, wenn wir nicht mehr auf die Solidarität der Sportart, auf Bundes- und Landesebene, zu unseren Produkten vertrauen dürfen. Denn nur dann werden wir weiter wirtschaftlich erfolgreich sein können und auch den Sport unterstützen können", setzt der Geschäftsführer von Lotto Rheinland-Pfalz in einem Brief den DHB unter Druck, erwünscht sich eine Positionierung des Verbandes und Einflußnahme auf die Liga. Auf beiden Seiten werden die Partner im Sport eingespannt, vorgeschoben und sollen sich für die Lobbyarbeit engagieren. Ein Verteilungskampf auf dem Rücken des Sports, auf dem Rücken von Verbänden und Vereinen.

Unabhängig von der juristischen Situation und Beurteilung des Marktes für Sportwetten, der Sport scheint in der aktuellen Grau-Situation mit vielen Fragezeichen in eine Eskalation zu steuern. Als Argument gilt dabei vor allem die Verwendung der Gelder. Dabei sollten Suchtprävention, der Schutz vor Wettmanipulation und der Schutz des Kunden vor betrügerischen Anbietern im Zentrum der Diskussion stehen - und zwar bei Sport und Politik. Welcher Weg eingeschlagen werden soll, diese Entscheidung haben die staatlichen Stellen zu treffen. Der Sport hat ein Interesse an einer vernünftigen Ordnung des Wettmarkts. Es sollte aber ein Eigeninteresse sein, mit möglichen Forderungen wie: Rückfluss von Geldern aus diesem Markt, beispielsweise durch eine Umsatzbeteiligung, staatliche Kontrolle hinsichtlich der Manipulations-, Betrugs- und Suchtgefahren - ein verbindlicher Rahmen für alle Beteiligten und somit eine Einschränkung des derzeitigen Marktversagens. Ob durch ein entsprechend ausgebautes Gegenangebot eines staatlichen Monopolisten oder eine Liberalisierung und Öffnung des Marktes, diese Frage sollte für den Sport die zweitrangige sein.



Hinweis:
Dieser Text ist von der IG Handball als "Free Content" freigegeben, d.h. er kann unter der Quellenangabe "Christian Ciemalla - handball-world.com" kostenfrei in anderen Medien, Publikationen und Webseiten verwendet werden.


 
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